Wollen wir das schnelle Verbot?

Oder erkennen wir die „verschiedenen Ebenen der Komplexität“ endlich dann an, wenn Experten sie versuchen, in Worte zu fassen?

Der erste Bericht der Expertenkommission zum Social-Media-Verbot für Minderjährige ist da.

Und auch, wenn das nur die erste Bestandsaufnahme vor dem Abschlussbericht mit Handlungsempfehlungen im Sommer ist, so ist die Aussage ziemlich deutlich:

Denn ja, der Bericht stellt viele Gefahren durch soziale Netzwerke für junge Menschen fest:

Von erlebtem Hass über Suchtverhalten zu sexualisierter Gewalt, von Täuschung und Manipulation durch Dark Patterns über KI-generierten Identitätsdiebstahl bis zu psychischen Folgen und erheblichen Bildungsmängeln.

Aber der Bericht beginnt direkt mit einem der wichtigsten Sätze in dem Zusammenhang:

„Die umfangreiche Bestandsaufnahme zeigt, dass erst in der Zusammenschau der verschiedenen Ebenen die Komplexität des digitalen Kinder- und Jugendschutzes deutlich und sichtbar wird.“

Und den kriegt man eben nicht einfach nur mit einem reinen Verbot hin. Die Tagesschau zitiert Familienministerin Prien, die den Bericht in Auftrag gegeben hatte, damit, „dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt nicht durch Einzelmaßnahmen zu erreichen ist“ – weil es „vorausschauende und kontinuierlich weiterzuentwickelnde Gesamtstrategie“ brauche.

Denn der Bericht sieht auch Vorteile in der Social-Media-Nutzung bei Minderjährigen – zum Beispiel soziale Verbundenheit, die Chancen für marginalisierte Gruppen, politische Partizipation oder eben die Möglichkeiten einer umfangreicheren Identitätsentwicklung. Und dann ist da noch dieser Satz „So stellte eine Studie im Durchschnitt keinen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und dem Wohlbefinden fest, jedoch zeigten sich deutliche individuelle Unterschiede: Für 44 % der Heranwachsenden bestand kein Zusammenhang, 46 % erlebten positive und 10 % negative Effekte“.

Wir können also weiterhin darüber diskutieren, ob wir alle Probleme, die mit den Social-Media-Plattformen sehen, mit einem Verbot für Minderjährige tatsächlich lösen könnten. Oder wir blicken da endlich drauf wie der Kommissionsvorsitzende Olaf Köller: 

„Es ist zu kurz gesprungen, nur über Altersbeschränkungen nachzudenken“.

Vielleicht war es womöglich eine gute Idee, die Expertenkommission mit Experten zu besetzen.

Den ganzen Bericht der Expertenkommission findet ihr hier – aber Vorsicht, er hat nicht nur einen Tippfehler im Dateinamen, sondern umfasst auch über 120 Seiten.